Sankt Lamberti
Überblick
Aus der Chronik
In der Kaufmannssiedlung vor der Domburg wird im Schnittpunkt der Marktstraße mit der kölnischen Heerstraße eine kleine Kirche gebaut, die dem Bischof Lambert geweiht wird, dessen Verehrung seit der Grundsteinlegung des Lambertusdomes in Lüttich im Jahre 965 große Verbreitung fand.
Ende des 11. Jahrhunderts
Vermutlicher Bau einer zweiten Kirche (erste Steinkirche?)
1121
Eroberung und Zerstörung Münsters durch Lothar von Supplinburg. Vermutliche Vernichtung der zweiten Lamberti-Kirche.
Um 1150
Fertigstellung der dritten Lamberti-Kirche. Dieser Bau war ein einschiffiger, gewölbter, romanischer Saalbau. Vermutlich wurden damals der Kirche Pfarrrechte verliehen.
1189
Erste urkundliche Erwähnung der Lambertipfarre und ihres Pfarrers Ernestus. Da die Lambertipfarre schon zu groß geworden ist und vor allem der Friedhof an der Kirche nicht mehr ausreicht, wird das Pfarrgebiet aufgeteilt. Die Pfarren St. Ludgeri, St. Aegidii und St. Martini werden neu errichtet.
1270
Pfarrer Richard von St. Lamberti erwirbt in den Baumbergen einen Steinbruch für die Kirche. Der Preis: Sechs Ellen Stoff für die Frau des bisherigen Besitzers. Vermutlich beginnt man damals mit dem Bau der vierten Kirche, einer dreischiffigen gotischen Halle mit eigenwillig gestaltetem Chorraum.
1330
Pfarrer Bernhard Mönnick gründet die Katharinenbruderschaft an St. Lamberti, die noch heute besteht. St. Katharina ist die zweite Pfarrpatronin.
1375
Am 22. Juli wird der Grundstein der heutigen (fünften) Kirche gelegt. Die gotische Hallenkirche war etwa 1440 vollendet.
1380
Gotische Madonna vom Nordportal der Kirche, die jetzt am Pfeiler zwischen den beiden Chorräumen der Kirche Aufstellung gefunden hat. Sie ist das älteste in unserer Kirche erhaltene Kunstwerk.
Rundgang durch die Lambertikirche
Hauptorgel
Die Hauptorgel von St. Lamberti entfaltet im Turmjoch schwebend eine besondere Raumwirkung. Sie wurde 1989 von der Berliner Firma Schuke frei in den Raum gehängt und vollständig aus Eiche gefertigt. Ihre 53 Register bieten ein breites Klangspektrum – von zarten Bewegungen bis zu kraftvoller Fülle.
Die Konstruktion mit innenliegendem Spieltisch lässt die Orgel wie ein „Klang-Raumschiff“ erscheinen. Ihr räumlicher Bezugspunkt ist der gegenüberliegende Altar. In Liturgie und Konzerten reicht ihr Klang von leisem Säuseln bis zu festlichen Fanfaren und verleiht den Botschaften des Glaubens eine hörbare Dimension. Mehr Details zur Orgel finden sie auf der Internetseite der Pfarrei.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Lavabokessel am Seil
Der Lavabokessel am Seil ist ein Gegenstand ritueller Vorbereitung. Über seine Herkunft ist wenig bekannt; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in der Kirche als Weihwasserspender installiert. Solche Kessel dienten ursprünglich in der Sakristei dem rituellen Händewaschen vor dem Gottesdienst. Sie waren meist aus Messing gefertigt und gut erreichbar aufgehängt (vgl. Lexikon der Liturgie, Herder 2013). In mittelalterlichen Darstellungen erscheinen ähnliche Gefäße auch als Gebrauchsgegenstände in herrschaftlichen Häusern.
Das Bekreuzigen mit Weihwasser beim Eintritt in eine Kirche soll das Verweilen in der Kirche bewusst vom Alltag unterscheiden – als kurze Unterbrechung, um innezuhalten und zur Ruhe zu kommen.
Quellen: Lexikon der Liturgie, Rückfrage bei Söbbeke, Albracht
Antoniusfigur
Die Figur des heiligen Antonius von Padua (1195–1231) steht für das menschliche Suchen. Die Holzskulptur aus dem 17. Jahrhundert zeigt den franziskanischen Theologen mit dem Jesuskind und einem Buch – Zeichen seiner Nähe zum menschgewordenen Wort Gottes.
Über die Jahrhunderte wurde Antonius zu einem beliebten Fürsprecher. Viele Menschen wenden sich im Gebet an ihn, wenn etwas verloren gegangen ist oder ihnen etwas fehlt – ein Gegenstand ebenso wie innerer Friede. In Westfalen hat sich aus diesem Grund mancherorts der Spitzname „Klüngeltünnes“ für den Heiligen Antonius entwickelt. In manchen Ländern bittet man ihn auch um Hilfe bei der Suche nach einem Lebenspartner.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Sieben Schmerzen Mariens
Die Darstellung der „Sieben Schmerzen Mariens“ ist für heutige Betrachtende eine ungewohnte Herausforderung. Sie erinnert daran, dass Leid seit jeher Teil menschlicher Gotteserfahrung ist. Das ursprüngliche Andachtsbild ging im Zweiten Weltkrieg verloren; die heutige Fassung ist eine spätere Kopie. Das Gedenken an die „Sieben Schmerzen Mariens“, im Sinne von sieben herausfordernden Begebenheiten des Marienlebens, waren ein beliebtes Andachtsmotiv des Mittelalters und wurde oftmals im Umfeld des Franziskanerordens verbreitet. In ähnlicher Weise entstanden später die als „Gesätze“ bekannten Andachtsmotive des vom Dominikanerorden verbreiteten Rosenkranzgebetes.
Das Motiv lenkt den Blick auf die Würde menschlicher Verletzlichkeit. Es eröffnet die Perspektive, dass Schmerz nicht das Ende einer Geschichte sein muss, sondern auch ein Ort sein kann, an dem Heilung beginnt. Zugleich erinnert es daran, die Menschen nicht zu vergessen, die in unserem Umfeld leiden.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Immerwährende Hilfe
Die Ikone der „Immerwährenden Hilfe“ wirkt wie ein stilles Fenster in eine andere Wirklichkeit. Die handgemalte Kopie folgt der Tradition östlicher Ikonen: Maria begegnet den Betrachtenden mit ruhigem Blick, während das Kind bei ihr Schutz sucht. Die Engel tragen die Werkzeuge des Leidens.
Die klare Bildsprache schafft eine Atmosphäre von Nähe und Geborgenheit – etwas, das viele Menschen im Gebet vor diesem Bild suchen. Das Motiv verbreitete sich besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den sogenannten Volksmissionen (vor allem durch den Jesuiten- und Redemptoristenorden), die das religiöse Leben der Gemeinden erneuern sollten.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Judas Thaddäus
Die moderne Figur des Judas Thaddäus steht im Turmjoch und zeigt den Apostel in ruhiger, konzentrierter Haltung. Seit Jahrhunderten gilt er als Patron für besonders schwierige Anliegen.
Für viele Menschen ist seine Gestalt ein Zeichen der Hoffnung, wenn Auswege fehlen. So entsteht ein stiller Raum des Gebets, in dem auch belastende Themen ihren Platz haben dürfen.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Herz-Jesu-Figur
„Gott ist die Liebe“ – dieser Satz aus dem Johannesbrief wird in der marmornen Herz-Jesu-Figur sichtbar. Sie wird Heinrich Fleige zugeschrieben und steht im westlichen Mittelschiff; ursprünglich befand sie sich unter einem passenden Sandsteinbaldachin.
Die Darstellung erinnert daran, dass Gott sich in Jesus den Menschen zuwendet. Sie lädt dazu ein, Liebe und Aufmerksamkeit im eigenen Leben und im Miteinander wachsen zu lassen – als Ausdruck eines Glaubens, der im Alltag Gestalt gewinnt.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht, Dehio
Taufstein
Der Taufstein im Turmjoch erzählt von Brüchen und Neubeginn. Er wurde 1891 nach Entwürfen des Diözesanbaumeisters Hilger Hertel aus Sandstein gefertigt und dem damaligen Pfarrer Kappen gewidmet. Die Marmorreliefs des Münsteraner Bildhauers Wilhelm Bolten erinnern bewusst an ältere Kunstwerke, die in der Täuferzeit beschädigt wurden.
Die Verbindung von Altem und Neuem passt zur Bedeutung der Taufe: Sie führt zu einem neuen Leben mit Gott und richtet den Menschen neu aus.
Der Standort in der Achse von Westportal und Altar deutet einen Weg an – vom Eintritt in die Gemeinschaft der Kirche hin zu Gott, der im verwandelten Brot und Wein nahekommt.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht, Dehio
Maria in guter Hoffnung
Die Figur „Maria in guter Hoffnung“ zeigt Maria als schwangere Frau. Das Werk aus dem 17. Jahrhundert verbindet warme Farbigkeit mit einer ruhigen, gesammelten Haltung.
Maria erscheint hier nicht idealisiert, sondern als eine, die ein verborgenes Werden in sich trägt. Die Darstellung lenkt den Blick auf die vielen stillen Prozesse des Wachsens, die noch unsichtbar sind. Zugleich ist die Figur ein Ort des Gebets für werdende Eltern und für den Schutz neuen Lebens.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Statue der Katharina von Alexandrien
Katharina von Alexandrien gilt als junge Philosophin, die im 4. Jahrhundert in einer Zeit harter Christenverfolgungen mit geistiger Klarheit und innerer Freiheit für ihren Glauben einstand und dafür den Märtyrertod erlitt. In St. Lamberti erscheint sie mehrfach dargestellt – oft mit ihrem Marterwerkzeug, dem Rad – ein Hinweis darauf, dass sie neben dem heiligen Lambert von Maastricht als zweite Patronin der Kirche verehrt wird und ihr eine seit dem 14. Jahrhundert aktive Bruderschaft an Sankt Lamberti geweiht ist. Historisch gehört sie zu den im deutschen Raum viel verehrten „Vierzehn Nothelfern“, die Menschen in Alltagsnöten und bei Krankheit anrufen; ihre Legende verbreitete sich über die mittelalterliche Legenda aurea und prägte ihre große Beliebtheit. Ihre Gestalt verbindet die Würde des Gewissens mit der Suche nach Wahrheit und möchte behutsam ermutigen, in wichtigen Entscheidungen und inneren Konflikten bewusst Gottes Nähe und Führung zu suchen. Spitze Zungen behaupten, sie wäre auch die Schutzpatronin gegen schlechte Predigten.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Epitaph / Kreuzigungsgruppe (Franz Brabender)
Die Kreuzigungsgruppe aus der Zeit nach 1536 wird Franz Brabender zugeschrieben; ein Steinmetzzeichen stützt diese Zuordnung zu einem der markantesten Bildhauer der Epoche. Ursprünglich als Epitaph geschaffen, verweist der Totenschädel zu Christi Füßen auf Adam und die alte Menschheit, während das goldene Lendentuch Christus als König im Leiden zeigt. Die Darstellung mit Maria und Johannes unter dem Kreuz gehört zu den vertrauten Motiven der europäischen Kirchenkunst. Sie erinnert daran, dass nach dem Johannesevangelium unter dem Kreuz eine neue Gemeinschaft entsteht, in der Glaubende einander tragen – in Freude wie im Leid.
Zugleich wurde diese Szene zu einem wichtigen Ort der Marienfrömmigkeit: Viele Menschen vertrauen bis heute auf ihre „mütterliche Hilfe“ und suchen im Gebet Trost und Beistand.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Kreuzweg
Seit November 2023 hängt der Kreuzweg aus der Dominikanerkirche in der Lambertikirche. Er wurde vom Münsteraner Bildhauer Wilhelm Bolte geschaffen, der auch mehrere Figuren an der Außenfassade gestaltete – darunter Heinrich und Kunigunde sowie die Darstellungen von „Ecclesia“ und „Synagoga“.
Die Stationen sind bis in den Hintergrund hinein sorgfältig gearbeitet und von ausdrucksstarken Figuren geprägt. Einige beschädigte Köpfe wurden mit Genehmigung des Denkmalamtes durch Sebastian Sprenger ergänzt. Seine Arbeiten fügen sich unauffällig ein, weil sie Haltung und Spannung der Figuren präzise aufnehmen. Zwei Köpfe blieben bewusst unrestauriert, um den früheren Zustand sichtbar zu halten.
Ein Kreuzweg ermutigt behutsam, menschliches Leiden nicht als Ort der Trennung, sondern als Raum zu verstehen, in dem Gott nahe sein will. So kann er helfen, die Scheu zu mindern, sich auch im Schweren an Gott zu wenden.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
„Das Jüngste Gericht“ (Melchior Steinhoff, 1604)
Das 1604 entstandene Gemälde vom Jüngsten Gericht, gefertigt von Melchior Steinhoff lehnt sich an ein älteres Werk vom großen Münsteraner Renaissancemaler Hermann tom Ring an. Oben zeigt es Christus mit Engeln und Heiligen, unten die Trennung von Geretteten und Verdammten. Unter den Seligen stehen das Stifterpaar – der Tuchhändler Heinrich Nyenhaus und Gertrud Lobachs – mit ihren Kindern und zwei Hausangestellten, fein und lebendig porträtiert. Nach längerer Zeit im Archiv des Landesmuseums kehrte das Werk 2022 in die Sakramentskapelle zurück.
Bilder wie dieses dienten dem Gedenken an die Verstorbenen und sollten zum Gebet für sie anregen. Zugleich erinnern sie die bürgerliche Gemeinde daran, dass menschliches Tun und Entscheiden sich am Ende einer größeren Wahrheit stellen muss – gemessen an der Liebe Gottes zu allen Menschen, wie sie in Jesus Christus sichtbar geworden ist. So verbindet das Gemälde Erinnerung, Verantwortung und die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Die Kanzel
Die Kanzel aus der Werkstatt Hilger Hertels von 1878 steht als architektonisches Zeichen für die Kraft des Evangeliums im Raum. Zugleich erfüllte sie früher eine ganz praktische Aufgabe: Durch ihre erhöhte Position und den Schalldeckel sollte das gesprochene Wort im Kirchenraum besser hörbar sein – in einer Zeit lange vor elektrischer Verstärkung. Vier kleine Barockfiguren der Evangelisten schmücken den Kanzelkorb.
Von hier aus erhob Bischof Clemens August von Galen, einst Pfarrer von St. Lamberti, am 13. Juli und 3. August 1941 seine Stimme gegen die nationalsozialistische Gewalt. Durch diese Geschichte erinnert die Kanzel daran, welche Wirkung das Wort Gottes entfalten kann: Es ruft Menschen zur Verantwortung und dazu, Unrecht nicht schweigend hinzunehmen.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht, Dehio
Chorfenster von Paul von der Forst
Der Kirchenraum wird von spitzbogigen Maßwerkfenstern mit getöntem Kathedralglas erhellt. Drei Mittelfenster im Hochchor bilden dabei eine besondere Gruppe: Sie wurden 1949/50 vom Münsteraner Glasbildkünstler Paul von der Forst gestaltet und zeigen Auferstehung, Kreuzigung und Himmelfahrt Christi.
Entstanden in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, tragen ihre Motive etwas von der Hoffnung, die Menschen nach dem Krieg und der Zerstörung der Stadt dringend suchten. Das Licht der aufgehenden Sonne lässt die Szenen besonders lebendig werden und erinnert daran, dass Christinnen und Christen in Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Christi mit einbezogen sind. So kann jede und jeder Betrachtende hier eine Perspektive entdecken, die über die Grenzen des eigenen Lebens und Sterbens hinausweist.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Fleige-Pieta
Im Jahr 1889 schuf ein Münsteraner Bildhauer diese Pietà nach historischen Vorbildern. Die Darstellung der trauernden Gottesmutter mit dem toten Christus folgt einer im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Bildtradition, die besonders im kirchlichen Raum präsent war. Kaum eine Kirche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kam ohne ein solches Andachtsbild aus. Gerade in Zeiten von Krieg und politischer Unsicherheit wurde die Pietà zu einem Identifikationsbild für Eltern und Familien, die den Verlust von Kindern zu beklagen hatten. Die Darstellung verleiht Trauer einen sichtbaren Ausdruck und eröffnet zugleich einen Raum, in dem menschliches Leid in Beziehung zu Gottes Mit-Leiden verstanden werden kann.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Klute-Epitaph
An der Außenfassade der Lambertikirche befinden sich zahlreiche Grabdenkmäler, sogenannte Epitaphe. Sie wurden zur Erinnerung an Bürgerinnen und Bürger der Stadt errichtet. Aufgrund der Bilderstürme der Täufer in den 1530er Jahren stammen die meisten erhaltenen Stücke frühestens aus der Zeit danach, viele aus dem Barock. Auch der Innenraum war einst reich mit solchen Denkmälern ausgestattet, von denen heute nur noch wenige Fragmente erhalten sind.
Ein Beispiel ist der Rest des Epitaphs der Familie Klute mit einer Darstellung der Gottesmutter Maria an der Westwand des Kirchraumes, das an Christoph Klute und seine Frau Anna Övelgünne († 1603) erinnert. Heute ist nur noch das mittlere Bild des großen und reich dekorierten Epitaphs erhalten und wird durch die umgebende Wand in Zinnoberrot besonders hervorgehoben. Lange galt auch dieses Bild als verloren und konnte erst vor kurzem wiederentdeckt und nach Sankt Lamberti zurück überführt werden. Es steht stellvertretend für die Vielzahl verschwundener Denkmäler und verweist auf das Selbstverständnis des Münsteraner Bürgertums, das sich in seiner Kirche vergegenwärtigen und dem Gebet kommender Generationen anvertrauen wollte.
Quellen: Geisberg, Albracht
Die Blättermann‑Tür zum Prinzipalmarkt
„In deinem Lichte schauen wir das Licht“ (Ps 36,10) bildet den Hintergrund des Glaskunstwerks L’Or – Zum Licht von René Blättermann. Es verbindet die Motive Licht, Krone und Wasser mit zwölf biblischen Zeichen, die für Vollständigkeit und die Verbindung von Himmel und Erde stehen. Die helle Öffnung erscheint dabei wie von diesen Symbolen bekrönt. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit den DERIX Glasstudios in Taunusstein unter Mitwirkung von Olaf Hanweg.
Das Portal wirkt zugleich nach außen und nach innen: Es strahlt auf den Platz und markiert den Übergang in den Kirchenraum. Die Darstellung lädt dazu ein, im eigenen Alltag nach Spuren des Lichts zu suchen und darauf zu vertrauen, dass Gottes Licht auch in Übergängen Orientierung schenkt.
Mehr Details zur Tür finden sie auf unserer Webseite.
Quellen: DERIX Glasstudios, Köppen, Albracht
Die Himmelsleiter
Die „Himmelsleiter“ wurde 2021 von der Wiener Künstlerin Billi Thanner für den Stephansdom geschaffen. Die Lichtinstallation entstand während der Coronapandemie als sichtbares Zeichen von Hoffnung für die Stadt. Seit 2022 ist sie in St. Lamberti zu sehen; eine innere Leiter konnte durch eine Spende erhalten werden. Thanner ist für zahlreiche weitere Lichtinstallationen bekannt, unter anderem an der Votivkirche.
Die Arbeit stellt sich in Resonanz zur biblischen Erzählung der Jakobsleiter (Gen 28): In seinem Traum erfährt Jakob auf der Flucht Gottes Zuspruch und Orientierung für seinen Weg. Die Leiter wird so zum Bild einer offenen Verbindung zwischen Himmel und Erde. Sie erinnert daran, dass Gott den Menschen entgegenkommt und zugleich ein Raum des Dialogs eröffnet ist, den der Mensch betreten kann. In der Deutung der Künstlerin verbindet sich dies mit der Idee von Tugenden als Orientierung auf diesem Weg.
Quellen: Schwanekamp, Künstlerinnengespräch, Dompfarre St. Stephan, Albracht, Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier
Marienfigur am Chorpfeiler
Diese Marienfigur gehörte ursprünglich zum Schmuck des Nordportals der Sankt Lamberti. Heute befindet sich dort an der Außenseite eine Replik, während das historische Original im Innenraum der Kirche am Chorpfeiler aufgestellt ist.
Wie viele Marienbilder verweist die Darstellung auf die Gegenwart Gottes im menschlichen Leben. In Maria, die zur Mutter Jesu berufen ist, wird dies in besonderer Weise sichtbar. Zugleich erscheint sie als Bild mütterlicher Zuwendung und als Fürsprecherin, der sich Christinnen und Christen im Gebet anvertrauen.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Katharinenepitaph an der Südwand
Neben der Tür zur Sakristei der St. Lamberti befindet sich ein weiteres Epitaph mit einer Darstellung der heiligen Katharina, die an ihrem Attribut, einem gebrochenen Rad, zu erkennen ist. Die Sandsteinarbeit mit Goldakzenten ist nur fragmentarisch erhalten und wurde zu einer rekonstruierten Form zusammengefügt. Die sichtbaren Bruchstellen verweisen auf die Zerstörungen, die die Kirche im Krieg erlitten hat.
In dieser Fragmentierung wird das Werk selbst zum Erinnerungszeichen. Es steht für das Leid von Menschen in Münster und weltweit, besonders im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Zugleich verweist es darauf, dass Trost und Hoffnung aus dem Glauben Zeiten der Gewalt überdauern können – getragen von der Hoffnung auf Frieden und Geborgenheit in einem Gott, der allen Menschen zugewandt ist.
Quellen: Albracht
Figuren im Chor und in der Südkapelle
Im Chorbereich der Lambertikirche haben sich bedeutende Zeugnisse ihrer historischen Ausstattung erhalten. Dazu gehört der Apostelzyklus mit lebensgroßen Figuren, die um 1600 von dem Bildhauer Johann Kroeß geschaffen wurden. Die schlanken Gestalten stehen zwischen den hohen Fensterbahnen unter reich gestalteten Baldachinen und betonen die vertikale Gliederung des Raumes.
Die Apostel stehen für die Verkündigung des christlichen Glaubens. Ihre unterschiedlichen Gestalten verweisen darauf, dass dieser Weg durch vielfältige Lebensgeschichten und in unterschiedliche Lebenswelten hineinführt. In der südlichen Chorkapelle finden sich zudem Figuren der Kirchenväter. Als herausragende Theologen der frühen Kirche erinnern sie an das fortwährende Ringen, Glauben und Denken in jeder Epoche neu aufeinander zu beziehen und fruchtbar miteinander zu verbinden.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Engelfiguren an der Nordwand des Kirchraums
An der nördlichen Längswand der Lambertikirche befinden sich mehrere Engelsfiguren unterschiedlicher Epochen. Die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael sind Werke des Spätbarocks, während der westlich anschließende Schutzengel der Neugotik zuzuordnen ist.
Engel gelten als Sinnbilder Gottes, der die Beziehung zum Menschen sucht und in der Welt wirksam ist. Als Boten Gottes nehmen sie Menschen die Angst und eröffnen einen Raum des Dialogs. Gabriel (Gott ist meine Stärke) steht für die göttliche Zusage, etwa in der Verkündigung an Maria; Raphael (Gott heilt) erscheint in der biblischen Überlieferung als Begleiter und Beschützer auf dem Lebensweg. Michael (wer ist wie Gott) schließlich verkörpert die Kraft Gottes im Widerstand gegen das Böse. Die Darstellung des Schutzengels fasst diese Deutung zusammen: Sie lädt dazu ein, das eigene Leben als getragen von einer schützenden und würdigen Zusage Gottes zu verstehen.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Der Zelebrationsaltar
Der Zelebrationsaltar ist teilweise aus erhaltenen Fragmenten früherer Altäre der St. Lamberti Kirche zusammengesetzt, die im Krieg beschädigt oder zerstört wurden. Durch die Verwendung dieses historischen Materials fügt sich der Altar in die gewachsene Ausstattung des Kirchenraums ein.
Im Sinne der Liturgie der Kirche ist der Altar der Ort, um den sich die Gemeinde versammelt. In der Feier der Eucharistie wird Christus als der erfahren, der den Menschen immer neu und bleibend entgegenkommt. Die Weiterverwendung der alten Elemente verweist zugleich auf die Kontinuität der Gemeinde: über Zeiten und Generationen hinweg verbunden in dem, der Ziel ihres Betens ist.
Quellen: Albracht
Silberexpositorium im Chorraum
Im Scheitel des Chorraums der Lambertikirche steht ein eindrucksvolles Silberexpositorium. Es wurde 1782 von dem Münsteraner Schreiner Frerich und dem Silberschmied Franz Joseph Dienninck als Aufsatz für den Tabernakel des ehemaligen Hochaltars geschaffen. Zur Finanzierung wurde Silbergeschirr aus dem Besitz der Witwe Rosine Droste zu Vischering verkauft und der Erlös gestiftet.
Der Begriff „Expositorium“ verweist auf seine ursprüngliche Funktion als echter „Eyecatcher“, als optische Hervorhebung des Tabernakels, des Aufbewahrungsortes der in den Leib Christi gewandelten Hostien und damit der auch materiellen Gegenwart Christi im Kirchenraum. Heute steht, nachdem der alte Hochaltar nicht mehr erhalten ist, im Zentrum ein kunstvoll gearbeitetes Kreuz als Zeichen des Lebens und der Überwindung des Todes. Bekrönt wird das Werk von der Darstellung des apokalyptischen Lammes aus der Offenbarung des Johannes – ein Bild für die Erfüllung der uralten göttlichen Verheißungen in Christus.
Der neue Tabernakel befindet sich in der südlichen Kapelle.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht, Geisberg
Tabernakel mit Sandsteintürmchen
Das Sandsteintürmchen im Chorraum der St. Lamberti beherbergt heute den Tabernakel und die Ewig-Licht-Ampel. Ursprünglich diente es als Gehäuse der Herz-Jesu-Figur, die sich heute im Westportal befindet. Der Tabernakel wurde 1977 von Max von Hausen gestaltet, unter Einbeziehung von Ideen von Joseph Beuys:
Ein kaum wahrnehmbares Detail prägt den Tabernakel: Auf dem Dachfirst befindet sich eine kleine „Antenne“ – ein einfacher Nagel mit einem gefassten Kristall. Dieses Zeichen verweist auf die Verbindung zwischen Gott und Mensch. Der Tabernakel als Aufbewahrungsort der konsekrierten Hostien steht für die Gegenwart Christi mitten unter den Menschen; die Antenne deutet diese Gegenwart als Beziehungsgeschehen. So wird das Türmchen zu einem stillen Hinweis darauf, dass Glaube als lebendige Verbindung verstanden werden kann – zu Gott und untereinander.
Quellen: Albracht / Erinnerung von Rudi Söbbeke
Die Chororgel
Die Chororgel der Lambertikirche wurde 2004 von Johannes Rohlf (Neubulach) erbaut. Sie steht auf einem fahrbaren Podest und ist in ihrer Bauart dem klassischen italienischen Orgelstil verpflichtet, der im nördlichen Europa vergleichsweise selten anzutreffen ist. Das Gehäuse orientiert sich an Konstruktionsprinzipien mittelalterlicher Orgeln.
Das Instrument dient vor allem der Begleitung von Chören und Solisten. In der reichen Tradition der Chormusik im katholischen Glauben wird das Lob Gottes eine hörbare Erfahrung. Durch ihre flexible Aufstellbarkeit und ihren klaren Klang unterstützt die Chororgel eine unmittelbare, auf das Wesentliche konzentrierte musikalische Gestaltung.
Quellen: Internetseite Sankt Lamberti
Der siebenarmige Leuchter
Der siebenarmige Leuchter der Lambertikirche ist ein Ausstattungsstück des Historismus, dessen genaue Herkunft nicht überliefert ist. Ursprünglich war dieser mit einem zweiten Leuchter gleicher Bauart Dekorationselement des Altarraums.
In seiner heutigen Form als solitäres Kunstwerk erinnert er an heute als siebenarmiger Leuchter – wie auch die Glastür von René Blättermann – auf die gemeinsame Wurzel von Judentum und Christentum.
Der Leuchter steht so für die bleibende Verbindung beider Traditionen. Im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils versteht die Kirche das Judentum als älteren Geschwisterglauben (so formulierte es Papst Johannes Paul II. 1986 bei einem Besuch der römischen Synagoge), der gleichermaßen wie wir Anteil an den Verheißungen Gottes hat. Zugleich mahnt das Objekt, frühere Fehlhaltungen zu bedenken, in denen das Christentum sich an die Stelle Israels gesetzt sah. So kann der Leuchter auch im Zusammenhang mit der Synagoga–Ecclesia-Darstellung an der äußeren Südkapelle gelesen werden – als Zeichen und Mahnmal für den Auftrag zu einem respektvollen und geschwisterlichen Dialog zwischen Juden und Christen vor unserem gemeinsamen Gott.
Quellen: Albracht
„Friedensarbeit“
Das Kunstwerk „Friedensarbeit“ in der Lambertikirche wurde 1998 von dem Bildhauer Ulf Lebahn geschaffen. Anlass war das 350-jährige Gedenken an den Westfälischen Frieden. In 360 Stunden schlug der Künstler 1001 Mal das Wort „FRIEDE“ in Stein. Insgesamt entstanden vier Steine, die in der Lambertikirche, der Synagoge, der Bürgerhalle am Friedenssaal und in der evangelischen Apostelkirche aufgestellt sind.
Die Arbeit macht erfahrbar, dass Frieden kein Zustand, sondern ein Prozess ist. Die Wiederholung des Wortes verweist auf die Anstrengung, die mit ihm verbunden ist. Zugleich verbindet das Projekt verschiedene religiöse und gesellschaftliche Orte der Stadt. Es lädt dazu ein, den eigenen Beitrag zum Frieden zu bedenken – im persönlichen Leben, im Miteinander und im größeren Zusammenhang der Welt.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Altarbild mit dem Heiligen Lambertus
Vom ehemaligen barocken Hochaltar der Lambertikirche ist heute noch ein Ölgemälde im südlichen Seitenschiff erhalten. Es zeigt das Martyrium des Kirchenpatrons Lambertus und wurde um 1790 von dem Münsteraner Minoritenpater Matthias Evens geschaffen.
Die Wahl des heiligen Lambert von Maastricht als Patron verweist auf die historischen Verbindungen der Münsteraner Kaufmannschaft in die Niederlande. Die Darstellung erinnert daran, wie vielfältig Gottes Wirken im Leben von Menschen sichtbar werden kann, und lädt dazu ein, solche Spuren auch im eigenen Leben zu entdecken. Aus dem ehemaligen Hochaltar sind zudem weitere Gemälde überliefert, darunter ein Bild zu Ehren der heiligen Katharina als zweiter Patronin der Kirche.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Fragment einer Krippendarstellung
Der Torso einer gotischen Weihnachtskrippe mit Maria, Josef und drei schwebenden Engeln befindet sich heute im Innenraum der Lambertikirche. Ursprünglich war die Darstellung an der Außenseite des mittleren Kirchenportals angebracht. Im Zentrum steht das Christuskind, im Strahlenkranz auf Stroh liegend, von den Figuren anbetend umgeben.
Die Szene richtet den Blick auf die Menschwerdung Gottes. Sie bringt zum Ausdruck, dass Gott dem Menschen nahe sein will und dessen Leben teilt – auch in seiner Einfachheit und Bedürftigkeit. Die Geburt Jesu in einer notdürftigen Unterkunft verweist auf einen Gott, der keine äußere Vollkommenheit verlangt, sondern dem Menschen gerade in seiner Unvollkommenheit begegnet.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Petrusbüste im Gewölbe
Auf einem Sims im Gewölbe der Lambertikirche befindet sich eine farbig gefasste Büste unbekannter Herkunft. Sie zeigt den Apostel Petrus, erkennbar an seinem Attribut, dem Himmelsschlüssel. Von ihrer erhöhten Position aus scheint die Figur das Geschehen im Kirchenraum zu überblicken.
Die ungewöhnliche Platzierung verleiht der Darstellung eine leise, beinahe humorvolle Note. Zugleich lässt sie sich als geistlicher Hinweis lesen: Der Schlüssel steht symbolisch für Verantwortung und Handlungsspielraum. Die Figur kann daran erinnern, dass jeder Mensch Möglichkeiten in der Hand hält, im eigenen Umfeld zum Guten beizutragen – oft im Kleinen, aber mit Wirkung.
Quellen: Albracht
Büste des Hilger Hertel als stützende Konsole
Neben dem südlichen Eingang zum Prinzipalmarkt der St. Lamberti trägt eine unscheinbare Figur scheinbar die Last des Kirchenbaus. Der Mann in historischer Kleidung ist als Selbstbildnis des Architekten Hilger Hertel zu verstehen, der die Kirche in den Jahren 1886–1889 maßgeblich umgestaltete. Besonders prägend ist der Turmneubau, der sich stilistisch am Freiburger Münster orientiert.
Die Figur verbindet Funktion und Aussage: Als tragende Gestalt wird der Architekt selbst Teil seines Bauwerks. Zugleich steht sie für das Selbstverständnis vieler Künstler jener Zeit, sich im eigenen Werk ein bleibendes Zeichen zu setzen – verborgen im Detail und doch dauerhaft mit dem Ganzen verbunden.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Radix Jesse über dem Südportal
Die dem Kirchplatz und Prinzipalmarkt zugewandte Südfassade der Lambertikirche ist als Schauseite besonders aufwendig gestaltet. Drei Portale gliedern die Front. Der ursprüngliche Skulpturenschmuck aus Baumberger Sandstein war jedoch so stark verwittert, dass er um 1900 durch Kopien ersetzt wurde. Über dem Hauptportal befindet sich im Hochrelief die sogenannte „Wurzel Jesse“, eine Darstellung der Vorfahren Jesu, wie sie in der biblischen Überlieferung beschrieben werden.
Das Original dieser Darstellung wurde im 19. Jahrhundert von Karl Friedrich Schinkel nach Berlin gebracht und durch eine Kopie ersetzt. Es war zeitweise im Bode-Museum eingelagert und wurde aus dem Depot von Hermann Göring geholt und in seine Villa eingebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg galten die originale als zerstört. Vor der Zerstörung der Göring-Villa hatte man die Teile aber wieder in einem Depot des Bode Museums eingelagert. Dort hat man Sie während DDR-Zeit einfach vergessen. Bei Arbeiten im Depot wurden die Teile 2023 wieder entdeckt. Die Fragmente liegen heute im Depot des Bode Museums. Gegenwärtig wird geprüft, ob sie nach Münster zurückkommen sollen. Die Darstellung selbst verweist auf die Einbindung Jesu in die Geschichte des Volkes Israel und macht deutlich, dass die Wurzeln des christlichen Glaubens in der jüdischen Überlieferung und Geschiche hat.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Ecclesia und Synagoge am alten Portal der Südkapelle
Eher unauffällig liegt das kleine Lambertiportal an der südlichen Chorseite der Kirche St. Lamberti, unmittelbar neben dem Eingang zur Sakristei. Das um 1910 entstandene Bildprogramm zeigt Christus in seiner Passion als Erlöser. Flankiert wird diese Darstellung von zwei Frauengestalten: „Ecclesia“ als Sinnbild der Kirche und „Synagoga“ als Personifikation des Judentums.
Die Darstellung greift ein traditionelles christliches Motiv auf, das heute einer besonders sensiblen theologisch‑historischen Deutung bedarf. Im Licht des Zweiten Vatikanischen Konzils versteht die Kirche das Judentum als bleibend mit ihr verbunden. Jüdinnen und Juden gelten als „ältere Geschwister“ im Glauben, und haben bleibenden Anteil an den Verheißungen Gottes. Die Darstellung der „blinden Synagoga“ stammt aus dem Alten Testament wird aber heute zu Recht als Schmähbild gelesen. Sie verweist auf die schmerzliche Geschichte christlicher Fehlhaltungen gegenüber dem Judentum und macht sichtbar, wie sehr theologische Deutungen über Jahrhunderte zur Herabwürdigung jüdischen Glaubens beigetragen haben.
Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2016 ein in einer interreligiösen Arbeitsgruppe Kommentartext verfasst, der seit Oktober 2016 als Tafelinschrift rechts neben dem Portal angebracht ist. Die Tafel erläutert das Bildprogramm und formuliert zugleich eine klare theologische und gesellschaftliche Position: Durch solche figürlichen Gegenüberstellungen von Ecclesia und Synagoga seien Jüdinnen und Juden von Christen über Jahrhunderte auf schmerzliche Weise herabgewürdigt worden.
Anstoß für diesen gemeinsamen Prozess war eine Vortragsveranstaltung in der Münsteraner Synagoge im November 2015, bei der Bischof Felix Genn über die Erklärung Nostra Aetate und das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen sprach. Ein anschließender theologischer Beitrag thematisierte ausdrücklich auch die herabwürdigende Darstellung der Synagoga am Chorportal von St. Lamberti. Diese Auseinandersetzung erwies sich als Initialzündung für die bewusste und selbstkritische Kontextualisierung des Portals.
Zugleich steht das Lambertiportal nicht für sich allein. Andere Ausstattungsstücke der Kirche – etwa die Blättermann‑Tür – bringen ausdrücklich das Selbstverständnis zum Ausdruck, dass christlicher Glaube nicht in Abgrenzung, sondern in ungebrochener Verbindung zum Judentum zu verstehen ist. Gerade im Nebeneinander solcher Zeugnisse wird deutlich, dass die Kirche heute um eine verantwortete Erinnerungskultur ringt.
Zur Entstehungsgeschichte der Darstellung der Ecclesia und Synagoga und den weiteren Umgang damit gibt es einen vertiefenden und erhellenden Artikel im Heft Denkmalpflege – LWL 2021/2 von Dr. Denis Kretzschmar.
Die Pfarrei St. Lamberti bewahrt das Portal daher bewusst als Mahnmal. Nicht um die verletzende Bildtradition zu legitimieren, sondern um sich der historischen Verantwortung zu stellen und daraus eine Selbstverpflichtung abzuleiten: Wir treten Judenfeindlichkeit in Kirche und Stadtgesellschaft entschieden entgegen und nehmen den gemeinsamen Ursprung des Glaubens ernst. Im Vertrauen auf den einen Gott, der allen Menschen seine Treue zusagt, gehen wir unseren Weg durch die Zeit gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde in unserer Stadt.
Quelle: Sankt Lamberti, Albracht, Kretzschmar
Goethe am Westportal
Das tief in den Westturm eingelassene Doppelportal der Lambertikirche ist eine Ergänzung des späten 19. Und Anfang 20. Jahrhunderts. Es entstand im Zuge umfassender Restaurierungsmaßnahmen, bei denen der überwiegende Teil des skulpturalen Bauschmucks erneuert oder neu geschaffen wurde. Dabei griff man vielfach auf Teutoburger Sandstein zurück, der witterungsbeständiger ist als der ursprünglich verwendete Baumberger Sandstein. Verwitterte mittelalterliche Figuren wurden teils durch Kopien ersetzt, an anderen Stellen – wo nur noch Leerstellen vorhanden waren – bewusst durch Neuschöpfungen ergänzt.
In der Zeit zwischen 1905 und 1913 entstand so ein umfangreicher Figurenschmuck im Stil der späten Neugotik. Dieser Zyklus bezieht sich sowohl auf lokal verehrte Heilige und auf Motive aus dem mittelalterlichen Kaiserreich als auch auf Sinnbilder einer kulturellen Identität, die Glaube, Geschichte und Bildung miteinander verbinden wollte. Das Westportal ist ein besonders sprechendes Beispiel für dieses Zusammenspiel.
Im Zentrum steht Christus als Lehrer der Welt. In den Seitengewänden wird er von den Evangelisten und Kirchenlehrern begleitet, die für die Weitergabe und Auslegung des Glaubens stehen. Auffällig ist dabei eine mögliche zeitgenössische Deutung: In den Figuren der Evangelisten Lukas und Johannes lassen sich die Gesichtszüge von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller erkennen. Darin spiegelt sich die Wertschätzung der großen Dichter als geistige Autoritäten ihrer Zeit wieder – eine Perspektive, die insbesondere Pfarrer Hermann Kappen und der Architekt Hilger Hertel teilten.
Das Portal verbindet auf diese Weise christliche Glaubensüberlieferung mit kulturellem Selbstverständnis. Es zeigt, wie sehr Verkündigung, Kunst und Bildung hier bewusst zusammen gedacht wurden. Zugleich macht es sichtbar, dass kirchliche Bildprogramme immer auch Ausdruck ihrer Entstehungszeit sind – geprägt von ihren theologischen Gewissheiten, kulturellen Idealen und gesellschaftlichen Hoffnungen.
Für heutige Betrachterinnen und Betrachter lädt das Westportal dazu ein, dieses Spannungsfeld weiterzuführen: den Glauben in seiner Tradition ernst zu nehmen, ihn im Dialog mit Kultur und Gegenwart zu bedenken und ihn offen ins Gespräch mit der Stadtgesellschaft einzubringen. Als Markt- und Stadtkirche versteht sich St. Lamberti bis heute als ein Ort, an dem genau dieses Zusammenspiel zwischen Glauben und Kunst, religiöser Überzeugung und öffentlichem Leben gepflegt wird.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht, Kretzschmar
Der neue Westturm mit den Täuferkörben
Der Turm von St. Lamberti prägt den nördlichen Abschluss des Prinzipalmarktes. Vom Rathaus aus gesehen erscheint die Kirche mit ihren gotischen Formen und dem Westturm mit durchbrochener Maßwerkhaube als markanter Zielpunkt der „guten Stube“ Münsters. Zugleich wirkt der Bau nicht wie ein abschließender Riegel, sondern öffnet den Blick über sich hinaus.
Der heutige Westturm entstand am Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem der ältere Turm wegen statischer Probleme abgetragen werden musste. Sein neugotischer Aufbau orientiert sich stilistisch am Freiburger Münster. Maßgeblich vorangetrieben wurde der Neubau von Pfarrer Hermann Kappen und dem Architekten Hilger Hertel. Auch die berühmten Körbe aus der Täuferzeit wurden in den neuen Turm integriert. Sie erinnern an die gewaltsamen religiösen Konflikte des 16. Jahrhunderts und gehören bis heute zu den bekanntesten Mahnzeichen der Stadt Münster. 1898 wurde der Schlussstein des Turmes gesetzt. In den Körben findet sich eine Skulptur aus der Skulpturprojekte von 1997. „Irrlichter“ hat der Künstler diese Skulptur aus drei Glühbirnen in den drei Körben genannt. Sie verweist auf die Gefahr, die aus der Radikalisierung von anfangs gut gemeinten Bewegungen entstehen kann. Sie werden vom Licht zum Irrlicht. Eine Mahnung bis auf den heutigen Tag.
Quellen: Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier, Albracht
Altarbild Christus im Garten Gethsemane
Die Münsteraner Künstlerin Sophie Wenning (1803–1864) schuf Anfang der 1840er Jahre für die St. Lamberti ein großformatiges Gemälde mit der Darstellung des Gebets Christi am Ölberg. Während der Fastenzeit ersetzte es am Hochaltar zeitweise das Lambertusbild des Minoriten Paters Matthias Evens. Nach dem Abbruch des barocken Hochaltars begann für das Werk eine wechselvolle Geschichte mit mehreren Ortswechseln innerhalb und außerhalb Münsters. Seit 2025 wird das Gemälde restauriert und wird im Herbst 2026 wieder in der Lambertikirche gezeigt werden.
Die Lamberti Gemeinde entschloss sich unter anderem auch, dieses Werk wieder zurückzunehmen und restaurieren zu lassen, da Sophie Wenning eine der wenigen Frauen ist, die in der damaligen Zeit als Malerin gewirkt hat.
Die Ölbergszene zeigt Christus im Moment des Gebets und der inneren Auseinandersetzung vor seinem Leiden. Es passt daher hervorragend in die Fastenzeit. Diese Darstellung erinnert daran, dass auch Angst, Zweifel und Einsamkeit Teil menschlicher Erfahrung sind. Zugleich verweist sie auf das Vertrauen, selbst in schweren Situationen nicht verlassen zu sein: Gott selbst teilt diesen menschlichen Moment und will sich so als unser Gefährte in schwersten Stunden vorstellen.
Quellen: Rommé und Thier, Albracht
Quellen ausformuliert:
Gruna/Derpmann/Köppen/Schwier
Klaus Gruna, überarbeitet und ergänzt von Manfred Derpmann, Hans-Bernd Köppen und Michael Schwier: „Münster – Katholische Pfarrkirche St. Lamberti“ = Schnell Kunstführer Nr. 1801. Regensburg 2024.
Geisberg
Max Geisberg: „Die Stadt Münster Sechster Teil – Die Kirchen und Kapellen der Stadt ausser dem Dom“ in Provinzialverband Westfalen, Wilhelm Rave (Hgg.): „Bau und Kunstdenkmäler von Westfalen“, 41. Band. Münster 1941.
Kretzschmar
Denis Kretzschmar: „Die figürliche Darstellung am Chorkapellenportal der St. Lamberti-Kirche in Münster“ in: LWL-Denkmalpflege, landschafts- und Baukultur in Westfalen: „Denkmalpflege in Westfalen-Lippe“. Heft 2021/2.
Dehio
Georg Dehio (Hg.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen II – Westfalen. München 2016.
Rommé und Thier
Barbara Rommé, Bernd Thier (Hgg.): „Einst bekannt und heute vergessen – Münsters Malerinnen“. Band zur Ausstellung im Stadtmuseum Münster 2026. 115.