Predigt zum Tag des Westfälischen Friedens
„Schritte des Friedens“ – Apostelkirche Münster, 24. Oktober 2026
Fahimah Ulfat

Liebe Gemeinde, liebe Angehörige der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen,
liebe Gäste,
„Tragt an den Füßen das Schuhwerk der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verbrei
ten.“
Dieser Satz aus dem Epheserbrief enthält ein erstaunliches Bild. Der ganze Abschnitt spricht
von Rüstung: vom Gürtel der Wahrheit, vom Brustpanzer der Gerechtigkeit, vom Schild des
Glaubens, vom Helm des Heils. Und dann – an den Füßen – steht der Frieden. Genauer gesagt:
die Bereitschaft zum Frieden.
Mich beschäftigt vor allem dieses eine Wort: Bereitschaft.
Denn Frieden beginnt offenbar nicht erst mit einem Friedensvertrag. Frieden beginnt mit einer
Haltung: mit der Bereitschaft, sich zu bewegen.
Wer Schuhe anzieht, richtet sich darauf ein, seinen Standort zu verlassen. Wer gehen will,
kann nicht einfach dort stehen bleiben, wo er ohnehin schon steht.
Vielleicht liegt darin eine der schwierigsten Voraussetzungen des Friedens: die Bereitschaft,
den eigenen Standort nicht für den einzig möglichen zu halten.
Und vielleicht können wir das Bild des Schuhwerks heute in drei Schritte übersetzen.
Der erste Schritt führt zunächst nicht zum anderen. Er führt zu uns selbst.
Der erste Schritt des Friedens ist die Bereitschaft zur Selbstkritik.
Das klingt zunächst unspektakulär. Aber gerade in Zeiten von Krieg und gesellschaftlicher Po
larisierung ist es vielleicht eine der anspruchsvollsten Übungen überhaupt.
Denn in Konflikten wissen wir meist sehr schnell, wo die Schuld liegt. Wir wissen, wer ange
fangen hat, wer provoziert hat, wer sich falsch verhält, wer die Wahrheit nicht sehen will. Und
je stärker wir uns einer Seite zugehörig fühlen – religiös, politisch, national oder biografisch
, desto leichter erkennen wir das Unrecht der anderen und desto schwerer fällt es uns, das
Unrecht wahrzunehmen, das aus der eigenen Gruppe heraus geschieht oder in ihrem Namen
gerechtfertigt wird.
Genau deshalb finde ich es bedeutsam, dass wir vorhin die Versöhnungslitanei von Coventry
gesprochen haben. Sie beginnt nicht mit der Schuld der anderen. Sie fragt nach unserer eige
nen Verantwortung.
Wir Musliminnen und Muslime müssen uns deshalb selbst fragen: Wo tragen unsere religiösen
Deutungen zu Abgrenzung bei? Wo werden politische Konflikte in religiöse Feindbilder über
setzt? Wo werden beispielsweise mit Blick auf Israel und Palästina Jüdinnen und Juden kollek
tiv für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht? Wo werden alte polemische Über
lieferungen oder moderne Verschwörungserzählungen religiös legitimiert?
Gerade der Konflikt um Israel und Palästina zeigt, wie politische und territoriale Konflikte reli
giös aufgeladen werden. Dann werden aus politischen Akteuren „die Juden“ oder „die Mus
lime“. Aus konkreten historischen Konflikten werden angeblich ewige Feindschaften.
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Dieser Logik müssen wir widersprechen.
Nicht, indem wir das Leid einer Seite gegen das der anderen aufrechnen. Nicht, indem wir
einen selektiven Humanismus pflegen, der nur das Leid wahrnimmt, mit dem wir uns selbst
identifizieren. Sondern indem wir uns fragen:
Welches Leid kann ich sehen – und für welches Leid bin ich blind?
Der zweite Schritt führt auf den Anderen zu.
Und dafür gibt es auch im Koran ein eindrückliches Bild. In Sure 3, Vers 64 heißt es sinngemäß:
„Kommt zu einem gemeinsamen Wort zwischen uns und euch.“
Mich berührt an diesem Vers heute besonders das erste Wort: Kommt.
Auch hier ist Bewegung.
Der Epheserbrief spricht vom Schuhwerk der Bereitschaft. Der Koran sagt: Kommt.
Wartet nicht, bis der andere sich bewegt. Bleibt nicht nur in der eigenen Gewissheit stehen.
Macht euch auf den Weg.
Aber was bedeutet: „Kommt zu einem gemeinsamen Wort“?
Ein gemeinsames Wort ist nicht dasselbe wie ein gemeinsamer Glaube.
Es geht vielmehr darum, einen Ort zu bauen, an dem wir trotz dieser Unterschiede miteinan
der sprechen, miteinander handeln und miteinander leben können. Genauso wird dieser ko
ranische Vers in der muslimischen Tradition immer wieder als Einladung verstanden, eine ge
meinsame Grundlage zu suchen.
Und gerade die frühe Geschichte der Musliminnen und Muslimen kann uns hier etwas Inte
ressantes zeigen.
Wenn wir auf die Anfänge der Gemeinschaft um Muhammad schauen, begegnet uns zunächst
gar nicht die klare Abgrenzung dreier fest umrissener Religionen, also Judentum, Christentum
und Islam, wie sie uns heute so selbstverständlich erscheint.
Historisch ist belegt, dass die frühe Gemeinschaft um Muhammad sich zunächst als eine Ge
meinschaft der Gläubigen verstand – als eine Bewegung von Menschen, die sich dem einen
Gott verpflichtet wussten und ein rechtschaffenes Leben führen wollten. In dieser frühen
Phase waren die Grenzen zwischen den später klarer voneinander abgegrenzten jüdischen,
christlichen und muslimischen Gemeinschaften offenbar durchlässiger. Die Bewegung konnte
auch für Jüdinnen und Juden sowie Christinnen und Christen anschlussfähig sein.
Das bedeutet nicht, dass damals alles harmonisch gewesen wäre. Aber diese Geschichte erin
nert uns daran, dass unsere heutigen religiösen Grenzen im Laufe der Geschichte gezogen
wurden.
Und sie widerspricht der Vorstellung, Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslime
seien seit jeher natürliche oder gar religiös bestimmte Feinde.
Die Geschichte unserer Religionen ist viel komplizierter. Sie erzählt von Konflikten und Verfol
gung. Aber ebenso von Austausch, Nachbarschaft, Zusammenarbeit, gegenseitiger Beeinflus
sung und gemeinsamer Fürsorge.
Vielleicht brauchen wir gerade heute diese Erinnerung.
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Denn wer eine jahrhundertelange Geschichte auf eine Geschichte ewiger Feindschaft redu
ziert, verfälscht nicht nur die Vergangenheit. Er verengt auch die Möglichkeiten der Gegen
wart.
Der Koran führt diesen Gedanken noch weiter. In Sure 5, Vers 48 heißt es:
„Hätte Gott gewollt, er hätte euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht.“
Aber Gott hat das offenbar nicht getan.
Und dann folgt die Aufforderung:
„Wetteifert darum um das Gute!“
Ich finde diesen Gedanken bemerkenswert.
Religiöse oder weltanschauliche Verschiedenheit erscheint hier nicht einfach als bedauerli
cher Zustand. Sie wird zur Aufgabe.
Wir sollen nicht darum wetteifern, wer die anderen am überzeugendsten widerlegt.
Wir sollen um das Gute miteinander wetteifern.
Vielleicht besteht der Beitrag religiöser Menschen zum Frieden darin, Verschiedenheit auszu
halten – und darin, uns gegenseitig zum Guten herauszufordern.
Dafür braucht es das Schuhwerk der Bereitschaft.
Und damit kommen wir zum dritten Schritt.
Aus dem gemeinsamen Wort muss ein gemeinsamer Weg werden.
Denn Frieden bleibt abstrakt, solange er nur eine Haltung oder ein Wort ist.
Das wusste man auch hier in Münster vor fast vierhundert Jahren.
Der Westfälische Friede von 1648 entstand nicht, weil die Menschen plötzlich einer Meinung
gewesen wären. Sie kamen zu der Einsicht, dass nach Jahrzehnten des Krieges eine Ordnung
gefunden werden musste, in der Zusammenleben trotz fortbestehender religiöser Unter
schiede möglich war.
Vielleicht liegt genau darin eine bleibende Lektion dieses Friedens:
Frieden setzt nicht voraus, dass wir denselben Glauben vertreten.
Frieden setzt voraus, dass wir die Existenz des Anderen nicht länger zur Disposition stellen.
Und genau darin liegt eine große Herausforderung unserer Gegenwart.
Wir sehen heute Krieg und Gewalt in der Ukraine, im Sudan, im Nahen Osten, in und um Iran
und in vielen anderen Regionen der Welt. Manche dieser Konflikte tragen religiöse Dimensio
nen in sich. Manche werden nachträglich religiös aufgeladen. In anderen spielt Religion kaum
eine Rolle. Aber immer wieder können religiöse Narrative dazu dienen, Konflikte zu verschär
fen, Gegner zu dämonisieren oder politische Interessen zu sakralisieren.
Und zugleich bleiben diese Konflikte nicht irgendwo fern.
Wir leben in einer glokalen Welt. Globale Ereignisse kommen über soziale Medien, Bilder,
Migrationsbiographien, religiöse Zugehörigkeiten und politische Identifikationen unmittelbar
in unsere lokalen Lebenswelten. Sie gelangen in unsere Schulen, unsere Gemeinden, unsere
Universitäten und unsere Nachbarschaften.
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Die fernen Konflikte werden Teil unseres Zusammenlebens hier.
Deshalb muss der Weg des Friedens auch hier in Münster und überall in Deutschland gegan
gen werden.
In einer Gesellschaft, in der Jüdinnen und Juden sicher leben können.
In der Musliminnen und Muslime nicht unter Generalverdacht gestellt werden.
In der unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen nebeneinander beste
hen können, ohne dass aus Differenz Feindschaft wird.
In der Menschen einander nicht zuerst als Vertreter einer Gruppe begegnen, sondern als Mit
menschen, als Nachbarinnen und Nachbarn, als Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.
Frieden heißt, Formen des Zusammenlebens zu schaffen, in denen Unterschiede ausgehalten,
Probleme gemeinsam bearbeitet, Konflikte ausgetragen und dennoch die Würde des anderen
gewahrt wird.
Und an diesem Punkt stellt sich für mich als religiösen Menschen noch eine andere, vielleicht
unbequemere Frage:
Was geschieht mit unserem Glauben, wenn er keinen Frieden hervorbringt?
Frieden braucht nicht notwendig religiösen Glauben. Aber religiöser Glaube muss sich daran
messen lassen, ob er den Menschen friedensfähiger macht.
Wenn mein Glaube mich unfähig macht, das Leid des anderen zu sehen, wenn er mich darin
bestärkt, den anderen abzuwerten oder ihm seine Würde abzusprechen, dann muss ich nicht
zuerst den anderen prüfen – sondern meinen Glauben.
Auch das gehört für mich zum Schuhwerk der Bereitschaft: bereit zu sein, den eigenen Glau
ben immer wieder daraufhin zu prüfen, wohin er mich führt.
Macht er mich unbeweglicher – oder setzt er mich in Bewegung?
Führt er mich immer tiefer in die Abgrenzung – oder macht er mich fähiger, auf andere zuzu
gehen?
Macht er mich blind für das Leid anderer – oder schärft er meinen Blick gerade für die Men
schen, die nicht zu meiner Gruppe gehören?
Ein Glaube, der Frieden hervorbringen will, braucht deshalb nicht weniger Überzeugung.
Aber er braucht Demut.
Und so kehre ich noch einmal zu diesem ungewöhnlichen Bild des Epheserbriefes zurück:
„Tragt an den Füßen das Schuhwerk der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verbrei
ten.“
Vielleicht beschreibt dieser Satz tatsächlich drei Schritte.
Das Schuhwerk des Friedens trägt uns einen Schritt weg von der Selbstgewissheit – hin zur
Selbstkritik.
Es trägt uns einen Schritt auf den Anderen zu – zu einem gemeinsamen Ort.
Und es trägt uns einen Schritt miteinander weiter – auf einen gemeinsamen Weg.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe einer Stadt, die sich an den Westfälischen Frieden erin
nert:
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nicht nur einen Frieden zu feiern, der vor fast vierhundert Jahren geschlossen wurde, sondern
immer wieder neu zu fragen, welche Schritte des Friedens heute von uns verlangt werden. Er
beginnt mit der Bereitschaft, sich zu bewegen.